21. September 2008 11:41

Quälerei mit der Quellensteuer

von UWE ENGELMANN

Eine halbe Milliarde Euro schenken Anleger ausländischen Steuerbehörden, weil sie nicht alle Kniffe bei der Erstattung der Quellensteuer kennen. Wie Sie sich einfacher Ihr Geld zurückholen.

Mensch ärgere Dich nicht" ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Noch treffender ist die Bezeichnung für die nordamerikanische Variante des Brettspiels: Sie lautet "Frustration". Und auch die Schweizer Version "Eile mit Weile" trifft das landestypische Temperament der Eidgenossen. Zwischen dem Brettspiel und den Steuerformularen zur Erstattung der Quellensteuer auf Aktien, Anleihen und Spareinlagen von ausländischen Emittenten gibt es eine große Gemeinsamkeit. So manch ein Anleger rauft sich wie ein schlechter Verlierer die Haare und gibt frustriert auf.

Mensch, ärgere Dich nicht? Doch. Mehr als eine halbe Milliarde Euro haben deutsche Direktanleger 2005 nach Schätzungen den ausländischen Steuerbehörden geschenkt, nur weil sie sich nicht länger mit dem Ausfüllen der komplizierten Antragsformulare quälen wollten und nicht alle Kniffe kennen. Schuld daran sind die komplizierten zwischenstaatlichen Beziehungen. Nicht nur Deutschland hat als Wohnsitzstaat ein Besteuerungsrecht, sondern auch der ausländische Staat erhebt an der Quelle seinen Obolus. Damit es nicht zu einer Doppelbelastung kommt, ist im Ausland der Quellensteuerabzug begrenzt. Den begrenzten Quellensteuerabzug können sich Anleger auf die deutsche Einkommenssteuer (nicht auf Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer) anrechnen und von der ausländischen Steuerbehörde erstatten lassen. Letzteres ist so aufwendig, dass Fondsgesellschaften einen Stab von Mitarbeitern beschäftigen. Kinderleicht ist die Anrechnung immer dann, wenn diese dem laut Abkommen zur Vermeidung der doppelten Besteuerung (DBA) auf die deutsche Einkommenssteuer anrechenbaren Teil exakt entspricht. Beispiel spanische Papiere: 15 Prozent behält der spanische Staat, 15 Prozent sind bei der deutschen Einkommenssteuer zu berücksichtigen. Ein Antrag auf Rückerstattung in Spanien entfällt somit.

Bei einigen von Entwicklungs- und Schwellenländern emittierten Anleihen zeigt sich der deutsche Fiskus sogar spendabel. Obwohl Staaten wie Argentinien, Indien, Jamaika und Malaysia keinerlei Quellensteuer einbehalten, erlaubt die Finanzverwaltung hierzulande die Anrechnung einer fiktiven Quellensteuer. Mit dieser Steuervergünstigung will das reiche Deutschland Schwellenländern den Zugang zum deutschen Kapitalmarkt erleichtern. Ohne dieses Steuerprivileg, das deutsche Anleger zu Entwicklungshelfern macht, müssten die Schuldnerländer bessere Zinskonditionen bieten, um am Kapitalmarkt wettbewerbsfähig zu sein. Diese Pseudo-Entwicklungshilfe lohnt sich vor allem für Anleger mit einem hohen Steuersatz. Sie erzielen im Vergleich zu einer voll steuerpflichtigen Vergleichsanlage eine höhere Nachsteuerrendite. Denn je höher der individuelle Steuersatz des Anlegers ist, desto höher ist der Steuerbonus aus der Anrechnung der fiktiven Quellensteuer.

Die Anrechnung in Deutschland ist nur möglich, wenn auf die insgesamt erhaltenen Kapitalerträge Steuern anfallen. Das ist der Fall, wenn der Gesamtbetrag der Zinsen und Dividenden deutlich über dem Sparerfreibetrag von derzeit noch 801 Euro für Singles und 1602 Euro für zusammen veranlagte Ehepaare, jeweils inklusive Werbungskosten-Pauschbetrag, liegen. Ist das der Fall, müssen Anleger in der Anlage KAP der Steuererklärung die Zeilen 33, 34, 44 und 51 ausfüllen. Damit nicht genug. Zusätzlich müssen sich Steuerpflichtige durch die Anlage AUS quälen. Für jedes Land, aus dem Erträge geflossen sind, ist eine eigene Spalte vorgesehen. Hier sind neben dem Bruttobetrag des Ertrags die Höhe der anrechenbaren Steuer einzutragen.

Bleiben Anleger mit den ausländischen Erträgen unter dem Sparerfreibetrag oder liegen sie knapp darüber, kann es sich lohnen, die ausländische Steuer von den in Deutschland steuerpflichtigen Erträgen wie Werbungskosten abzuziehen. Diese Methode empfiehlt sich besonders dann, wenn infolge von inländischen Verlusten keine anrechenbare deutsche Einkommenssteuer anfällt. Der Abzug der ausländischen Quellensteuer führt dann zu einem höheren Verlustrücktrag oder -vortrag. Wurde vom ausländischen Staat eine höhere als die nach DBA zulässige ausländische Quellensteuer erhoben, können Anleger bei der ausländischen Steuerbehörde eine Erstattung beantragen. Beispiel: Ein Aktionär der Union Bank of Switzerland (UBS) bekommt 1000 Euro Dividende. Beim derzeitigen Quellensteuersatz von 35 Prozent wären 350 Euro für den Schweizer Fiskus fällig.

Gemäß des Doppelbesteuerungsabkommens mit der Schweiz ist dieser Satz aber auf 15 Prozent begrenzt. Die zu viel gezahlte Quellensteuer von 20 Prozent kann sich der Anleger auf Antrag bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung in Bern erstatten lassen. 200 Euro kann er also von der Schweiz zurückfordern. Die Formulare für die Schweiz und für die meisten westlichen Staaten können sich Steuerpflichtige online beim Bundeszentralamt für Steuern unter www.steuerliches-info-center.de herunterladen. Doch dann beginnt die eigentliche Quälerei. Denn ohne Nachweis eines Wohnsitzes in Deutschland, gibt’s in der Regel keine begrenzte Quellensteuererstattung. Also müssen Anleger sich von ihrem Finanzamt den Wohnsitz bestätigen lassen. Den Betrag der einbehaltenen Quellensteuer auf Auslandspapieren bescheinigt die Depotbank.

Nur der halbe Weg zum Geld ist das allerdings für Anleger, die US-Aktien im Depot haben. Im Vorfeld der Dividendenausschüttung müssen Aktionäre beim Internal Revenue Service (IRS), das ist die Steuerbehörde der USA, einen Antrag auf Ermäßigung der Quellensteuer stellen und in dem Formular W-8BEN ihre Identität preisgeben. Unterlassen sie das, etwa weil ihnen der Auszahlungstermin nicht bekannt ist, kassiert der US-Fiskus pauschal 30 Prozent. Ein formelles Erstattungsverfahren wie in der Schweiz, Luxemburg oder Frankreich ist gar nicht vorgesehen. Wer sich die 15 Prozent, die ihm der amerikanische Fiskus laut Doppelbesteuerungsabkommen schuldet, zurückholen will, muss eine Steuererklärung für "beschränkt Steuerpflichtige" abgeben. Deutsche Depotbanken und Vermögensverwalter können aber eine Reduzierung der Quellensteuer bis auf null Prozent bei Zinsen und 15 Prozent bei Dividenden ohne die Formulare erwirken. Dafür schließen sie mit dem US-Fiskus ein "Qualified Intermediary Agreement". In diesem Übereinkommen garantieren Banken und Vermögensverwalter gegenüber dem Internal Revenue Service, dass sie als Mittelsmänner ihre Kunden kennen und deren Identität geprüft haben. Konkrete Daten müssen die Geldhäuser nicht preisgeben. Das Bankgeheimnis bleibt gewahrt.

Das ist ein kleiner Sieg im großen Gesellschaftsspiel "Frustration" alias "Mensch ärgere Dich nicht".

Home · Kontakt · Anfahrt · Seite durchsuchen · Impressum